Ein Quantum Holzbier gegen den Sündenerlass
Seefeld - Es hat sich Ende des 19. Jahrhunderts zugetragen, dass der Seefelder Pfarrer ausnehmend früh nach Frieding musste, um einem im Sterben liegenden Kollegen die letzte Ölung zu erteilen. Die Köchin hat er als Wegbegleitung und zur persönlichen Freude mitgenommen und auch darum, weil er nicht wusste, wann er wieder nach Hause kommt. An jenem Sonntag jedoch ist noch früher am Morgen, als der Pfarrer nach Frieding marschierte, der Kreizbichler Sepp stockbetrunken im frei zugänglichen Beichtstuhl gelandet. Seinen Weg nach Haus hat er nicht mehr gefunden und froh war er, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Nicht geschert hat er sich darum, dass es ein heiliges war. Weil aber die Leute im Dorf nicht wussten, dass ihr Pfarrer unterwegs war, haben sie wie gewohnt Kind und Kegel zusammengepackt und sind in die Kirche spaziert. Zum kleinen Sünden beichten sind sie gegangen und waren heilfroh, sie endlich los zu werden. Zeit ist es bei einigen geworden, denn ein arges Magendrücken hat sich wegen der einen oder anderen Missetat mittlerweile schon eingestellt. Das Sündigen ist halt doch viel gesünder, meinten sie übereinstimmend, wenn man die Sünden gleich wieder gegen ein oder zwei Ablassgebete eintauschen kann. Wie sie nun alle so in ihrem unbeschreiblichen Eifer nacheinander den Beichtstuhl stürmten, ist ihnen gar nicht aufgefallen, dass der vermeintliche Pfarrer gar fürchterlich nach Alkohol roch und auch nicht, dass er sie völlig willkürlich und außerhalb jeglicher Vorschrift büßen ließ. Dem Kramer Peter, der seit Jahren ein gut florierendes Verhältnis mit der verheirateten Babette pflegt, hat er aufgegeben, die hohen Schulden des Kreizbichler sofort zu streichen und der Dorfwirt, der gelegentlich reines Wasser in den sauren Wein schüttet, wurde zu einem stattlichen Quantum Holzbier verdonnert, das er eben jenem Kreizbichler umsonst und ohne Murren täglich bereit stellen muss.
Der Schwindel fliegt auf
Wie nun der Pfarrer aus Frieding zurückgekommen ist und in Windeseile seine Köchin das ganze Dorf zusammenrufen ließ, um die sonntäglichen Beichte nachzuholen, ist der ganze Schwindel aufgeflogen. Der Verdacht richtete sich sofort gegen den Kreizbichler, der nicht nur der alleinige Nutznießer der Aktion war, sondern auch ein arg listiger Haderlump. Denn der bestand grinsend auf die Einhaltung der angeordneten Bußen und das auf alle Ewigkeit. Bei Zuwiderhandlung, so ließ er deutlich durchblicken, gäbe es für ihn keinerlei Beichtgeheimnis mehr. Und zum Erzählen hätt' er schon viel, nachdem er sich vier Stunden lang die dörflichen Schandtaten hat anhören müssen.
Noch heute sind Schreie aus dem Höllgraben zu hören
Heute noch tuschelt man hinter vorgehaltener Hand, dass der Kreizbichler damals das Vermächtnis von Generation zu Generation weiter vererbt hat und so manch' Einheimischer um den guten Ruf seines Hofnamens fürchten muss. Ein alter Holzfäller weiß sogar zu berichten, dass manchmal des Nachts heimlich finstere und tief vermummte Gestalten in den Höllgraben gleich hinterm Seefelder Schlossgarten pilgern: "Do stell'ns a G'räucherts, an Laib Brot und a Holzbier hin und verschwinden wieder." Am anderen Tag sei dann die gute Brotzeit verschwunden, ohne dass je ein menschliches Wesen gesichtet worden wäre, das aus dem Höllgraben gekommen ist, erzählt man sich. Der Kreizbichler aber verschwand damals auf merkwürdige Weise, ohne dass je aufgeklärt wurde, wo er verblieben ist. Nur seine alten Schuhe fand man fein säuberliche hingestellt am Eingang zum Höllgraben und gelegentlich ist daraus auch heute noch ein ganz erbärmlicher Schrei zu hören.