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BAYERN > BRAUCHTUM
s'Ganserl muss die Federn lassen
Die Erde dreht sich bekanntlich um die Sonne, das Leben in Bayern aber dreht sich vorwiegend um den Stammtisch und um die traditionellen Festtage. Insbesondere um die, die neben der kirchlichen Bedeutung auch noch den leiblichen Genüssen entgegenkommen. Kirchweih' zum Beispiel, das seit 1803 jeweils am dritten Sonntag im Oktober auf dem Kalenderblatt steht. Früher wurde Kirta mit üppigem Essen, mit Tanz und Raufereien gefeiert. Letzteres kommt, Gott sei Dank, nicht mehr so häufig vor. Auch das man mehrere Tage hintereinander feiert, so wie es früher Brauch war, gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Blättert man in alten Aufzeichnungen, finden sich ganz merkwürdige Hinweise, was unsere Vorfahren unter Feiern verstanden.
So ist in der Dorfchronik von Eching am Ammersee nachzulesen:
"Diese Feyer dauerte auf dem Lande zwei Tage und zwei Nächte. Dabey wurde allenthalben großer Aufwand zweimal 24 Stunden mehr verzehrt als was auf ein Vierteljahr zur guten Subsistenz einer Familie hingereicht hätte."
Ganz soll man allerdings die alten Traditionen nicht begraben - ausdrücklich dann nicht, wenn sie allgemein zur Freude gereichen. Wer wird da nicht schwach werden, wenn nach dem morgendlichen Gottesdienst Gänsebraten, Kirtanudeln, Scheiterkiacharl, Bierkrapfen oder Topfenstriezel locken? Geändert hat sich allerdings, dass es an der Hausfrau liegt, sich an Kirchweih' den Feiertag von den frühen Morgenstunden bis tief in die Nacht hinein mit Kochen, putzen und Geschirr waschen zu vertreiben. Selbstverständlich kann sie auch weiterhin noch vor Sonnenaufgang und vor der restlichen Familie aus dem Bette schlüpfen und mit den Vorbereitungen für ein üppiges Mittagsmahl beginnen. Die Federn vom Ganserl rupfen, den Knödelteil anrühren, für die Schmalznudeln das Fett auslassen. Es geht aber auch anders. Kaum steht das Kirchweihfest an, laufen die bayerischen Gastronomen zur Höchstform auf und übertrumpfen sich regelrecht, was das Menü angeht. Freilich steht auch heute noch der Gänsebraten auf Platz eins fast jeder Speisenkarte. War es schon früher Brauch, an Kirchweih vielerlei Schmausereien mit vielen Gängen anzubieten, so halten's gute Gastronomen auch heute noch. "Huiö! Morgen is Kirta. Das größte Fest im Jahr. G'rad lustig is. Hint' im Hof grunzt die Sau; der Bauer wetzt das Messer und probiert die Schneid, ob sie noch nicht fein genug ist", schilderte Ludwig Thoma einst die Kirchweihstimmung.
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