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UNANSTÄNDIG

BAYERN > ANNODAZUMAL

Eine Zeitungsumfrage anno 1920 zum Thema weibliche Sportbewegung.

Frau Geheime Kanzleirat Amalie Nuttlinger schreibt:
Hochverehrte geschätzte Redaktion!

Schon lange wollte ich einmal in der breiteren Öffentlichkeit die Feder ergreifen um gegen den so genannten Sport der Damen (das sind schon die richten "Damen!!) den Finger in eine offene Wunde zu legen. Durch Ihre Umfrage gaben Sie mir  Gelegenheit diesen öffentlichen Skandal auf den Scheffel zu stellen. Können Sie sich mich in diesen jeder Sittlichkeit Hohn schlagenden Sportskostümen vorstellen? Mein seliger Geheimer Kanzleirat mocht mich schon nicht gern in Hosen sehen, trotzdem sie selbst gehäkelt waren. Wir sind als junge Mädchen in anderen Atmosphären aufgewachsen. Wir sind auch ohne Sport zu einem Mann gekommen und brauchten unser Inneres nicht den sündhaften Blicken preisgeben.
Verderbliche Schwimmanzüge

Es ist durchaus nicht notwendig, dass die heranwachsende weibliche Generationen so viel Aufhebens von ihren Beinen  macht.  - Zu unserer Zeit war das Bein vom Knöchel an überhaupt unanständig. - Und das ist gut so. - Wohin man blickt, ist der Sport eine Nudität. - Er hebt den Unterschied der Geschlechter fast vollständig auf. Man kann schließlich Müttern und Tanten nicht zumuten, auf die höchsten Berge als Garde mitzuklettern oder noch Hockey zu spielen um die Jugend im Auge zu behalten. - Für besonders verderblich halte ich den Wassersport für Damen. Wir badeten alle 14 Tage in der Badewanne.  - Da brauchten wir uns nicht in unanständigen Schwimmanzügen herumzuzeigen.
Frivoler Teilhabersitz

Manche kriegt trotzdem keinen Mann. Mein seliger Geheimer Kanzleirat sagte immer, er hätte mich nie geheiratet, wenn er mich in einem solchenen Schwimmanzug gesehen hätte. - Für besonders gefährlich halte ich die Teilhabersitze bei Motorrädern. - Eine Dame gehört in die Küche und in das peinlich reinlich gestaubte Wohnzimmer - hier ist ihr Teilhabersitz. - Nicht der Tennisschläger, sondern das Staubtuch - nicht der Schistock sondern die Häkelnadel - das ist die Sportausrüstung der Dame - wenn wir so sagen wollen, obwohl mir das Wort Dame schon etwas zu frivol erscheint. - Es klingt schon so nach "über die Verhältnisse leben" - man hat bei "Dame" immer den Geschmack Schauspielerin oder so. Nichts Solides. Sollte meine Tochter jemals einen Bräutigam mit Teilhabersitz haben (es gibt leider wenige junge Männer mehr ohne Motorrad), so werde ich auf jeden Fall verlangen, dass für mich ein Beiwagen angebracht wird.
In der angenehmen Hoffnung, dass diese Zeilen beitragen die Auswüchse des weiblichen Sportes hintenanzuhalten und wie ein reinigendes Stahlbad ins Gewissen fahren, verbleibe ich Ihre
Amalie Nuttlinger
Aus "Er, Sie, Es" von Julius Kreis

 
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